Der Vergleich zwischen digitaler und analoger Welt ist eigentlich Unfug. Genauso wenig wie man eine Mittelformatausrüstung mit einer billigen Kompaktknipse im analogen Bereich vergleicht, genauso wenig ist es sinnvoll die Menge der Digitalkameras der Menge der Analogkameras gegenüberzustellen.
Die Industrie – zwecks Gewinnmaximierung, versteht sich – macht hieraus eine Glaubensfrage, wo doch die Digitalphotographie an den eigentlichen Fragestellungen der Kamerawahl gar nichts geändert hat. Mag sein, es gibt Gründe, die unabhängig vom Einsatzgebiet für die eine oder andere Richtung sprechen (die seien hier auch genannt), aber letztendlich ist der Unterschied zwischen digitalem und analogem Gerät oftmals eher ein konzeptioneller denn ein qualitativer. Die Zukunft liegt für mich in der Austauschbarkeit des Aufnahmemediums in Form von Magazinen oder Kamerarückwänden, so daß man dann zukünftig hoffentlich nicht nur frei zwischen analog und digital wählen kann, sondern auch auf neue digitale Technologien nachrüsten kann, ohne das komplette System wechseln zu müssen.
Die hier angeführten Argumente halte ich persönlich für erwähnenswert und wichtig für eine Kaufentscheidung, viele andere Gründe, die sonst in diesem Zusammenhang noch genannt werden, sind für mich vernachlässigbar:
- Eine Digitalkamera ist per se weniger neutral als eine analoge Kamera. Dies liegt zum Teil daran, daß der "Film" bei der Digitalkamera (die Software und der Sensor) gleichsam fest in die Kamera integriert ist und nicht wie ein echter Film bei der analogen Kamera gewechselt werden kann. Natürlich ist es möglich den zu hohen Kontrast oder die unnatürliche Farbwiedergabe in der nachgeschalteten Bildbearbeitung wieder wett zu machen, wenn man sich den Aufwand geben will (nicht jeder, der photographieren möchte, ist jedoch computerversiert), aber andere Schäden, wie z.B. Artefakte durch zu hohe Bildkompression, zehren an der Qualität der Aufnahme unwiederbringlich (ein Beispiel hierfür war die FujiFilm E501 Zoom). Immerhin, in solchen Fällen kann man auf ein Firmware-Update seitens der Hersteller hoffen ...
- Wer seine Bilder auf digitale Medien bannt, der muß mit einem wesentlich (!) höheren Archivierungsaufwand rechnen. Dafür wären allerdings (theoretisch) die Aufnahmen unendlich lang haltbar. Wer hat jedoch Lust seine Archive regelmäßig zu kontrollieren, doppelt zu halten und umzukopieren und, was die Sicherungsmedien anbelangt, immer auf dem neuesten Stand der Hardware zu sein, denn nicht nur die Medien haben eine begrenzte Haltbarkeit, sondern auch die Aufnahme- und Abspielgeräte können veralten. Ein Negativ ist dagegen zwar nicht ewig haltbar, aber die Archivierung regelt sich für die Lebensdauer des Photographen, einige Vorsichtsmaßregeln beachtend, nahezu von selbst.
- Wie authentisch können Digitalphotos sein? Bei der Digitalphotographie gibt es keine Originale und somit auch weniger Authentizität. Das mag man auch positiv sehen, da man auf diese Weise kein Original verlieren kann.
- Recht viele Digitalkameras bringen nervige Inkompatibilitäten mit sich, die sich in Form von proprietären Speichermedien und Batterien manifestieren. Dies ist geil für die Hersteller, weil die Akkus teuer sind, aber absolut überflüssig aus Verbrauchersicht. Wer nicht jeden Tag im Hotel übernachtet und Strom zapfen kann, für den ist eine Digitalkamera, so sie nicht Standardbatterien frißt, auf manch einer Reise unbrauchbar.
- Die Digitalkamera bietet eine bessere Möglichkeit die Aufnahme vorab zu beurteilen. Diese Eigenschaft darf man jedoch nicht überbewerten, denn ein fitzeliges Display erlaubt allenfalls eine grobe Abstimmung, und wer zoomt in der Praxis schon jedesmal in das Bild rein- und raus (und verbraucht dabei Batteriestrom)? Eine Aufnahme wird in vielen Fällen nicht dadurch besser, daß man drauflosknipst und dann nachträglich auswählt, sondern eine Aufnahme wird gut, indem man sich vorher Gedanken macht.
- Unter Hinzuziehung des Gebrauchtmarktes sind Digitalkameras bei gleicher Leistung im Vergleich zu Analogkameras viel teurer! Eine gut erhaltene gebrauchte Minolta Autocord, Kostenpunkt ca. 100 Euro (!), dürfte jede erhältliche Digitalkamera bis 3000 Euro und darüber hinaus um Längen hinter sich lassen (Stand 2005). Siehe "Film vs. Digital" des "Arizona Highways Magazine", wo gesagt wird, daß die Auflösung von Digitalkameras zum jetzigen Zeitpunkt für ihre Ansprüche schlicht nicht ausreicht (in Betracht gezogen wurden 11-Megapixelkameras).
- Die ISO-Empfindlichkeit kann bei Digitalkameras eingestellt werden, aber die Sensoren besitzen natürlich nur eine feste Grundempfindlichkeit. Es ist ein Vorteil der Digitalkamera, ohne Filmwechsel bzw. mitten im "Film" die Empfindlichkeit ändern zu können, aber die Änderung der Grundempfindlichkeit, wie das durch den Filmwechsel bei einer Analogkamera geschieht, ersetzt das nicht.
- Die Speicherchips von Digitalkameras sind gegen Röntgenstrahlen auf Flughäfen unempfindlich, wo der Analogphotograph sich ev. strahlungsdichte Döschen anschaffen muß, wobei mir das Sicherheitspersonal vor Ort eigentlich regelmäßig bestätigt, daß die verwendete Strahlung für Film unempfindlich sei. Hierzu fehlt mir eine abschließende Expertenmeinung.
- Keine Auslöse- und Filmtransportgeräusche bei Digitalkameras.
- Bei Digitalkameras kann man sehr schnell zu einem fertigen, ausgedruckten Photo kommen, wobei das analoge Medium unter Umständen zuerst vollgeknipst und danach entwickelt werden muß: Für Pressephotographen ist digital eine feine Sache.
- Bei der Digitalphotographie ist eine Nachbearbeitung im Preis gewissermaßen inbegriffen, bei der Analogphotographie muß man entweder den Weg über die Digitalisierung gehen oder man entwickelt selbst im Labor. Beides ist zeitaufwändiger im Vergleich zur Digitalphotgraphie.
- Die Digitale Photographie benötigt keine gesundheitsbedenkliche Photochemie.
- Der Wertverlust einer Digitalkamera ist enorm, so daß sich nach einigen Jahren der Verkauf eigentlich nicht mehr lohnt. Dies wird sich vermutlich auch in Zukunft nicht ändern (dafür wird die Industrie sicher sorgen) – man vergleiche nur den Wertverfall von Computern. Dieser Preisverfall ist, insbesondere bei analogen Mittelformatkameras, weit weniger ausgeprägt. Wer eine mechanische, gut erhaltene analoge Kamera erwirbt, kann sie vermutlich auch nach vielen Jahren noch zu einem ähnlichen oder sogar zu einem besseren Preis wieder verkaufen.
- Photographie hat auch etwas mit Kunst zu tun: "Das malen mit der Kamera". Wer das im Sinn hat, für den sollte die Kamera diesen Aspekt auch unterstützen. Mir kommen bei den Megapixelschleudern von heute manchmal Zweifel, ob die Konstrukteure und Designer dieses Thema bedacht haben. Die Elektronikverliebtheit hielt andererseits auch schon vor vielen Jahren bei den analogen Kameras Einzug, so daß es dann schwieriger war, in einer bestimmten Situation das richtige Programm auszuwählen, statt einfach Blende und Zeit einzustellen. Dieses Manko wird hoffentlich zukünftig durch neue Modelle beseitigt, die etwas kostengünstiger als die Leica Digilux-2 sind.
- Digitalkameras können, selbst im Vergleich zum Kleinbildformat, wesentlich kompakter gebaut werden.
- Ein gestalterischer Nachteil ergibt sich insbesonder bei der Verwendung von kompakten Digitalkameras: Die Tiefenschärfe ist sehr groß, so daß es schwer ist, Objekte auf diese Weise herauszustellen.